PersönlichkeitenJeremias Nicolai

Jeremias Nicolai, Prinzenerzieher und Kartograph

Die großen Entdeckungen der Neuzeit wandelten das Weltbild: Nicht kirchliches Dogma, sondern der Mensch - mit all seinen Schattenseiten - durchdrang und gestaltete als Eroberer und Entdecker die Welt. Wissenschaften, die unter der Autorität der Kirche ein Schattendasein gefristet hatten, gerieten nun in den Mittelpunkt. So führte die Erforschung der Welt auch zur Förderung und schrittweisen Vervollkommnung der Kartographie (Kartenkunde).

Erdvermessung der Neuzeit, links: Triangulation

Des klassischen Verfahrens der Landvermessung, Kartographie und der Triangulation (Aufteilung der Fläche in Dreiecke und deren Messung) bediente sich auch Jeremias Nicolai, unter dessen Leitung das Landesgymnasium großen Aufschwung nahm. Der 1692 in Affoldern geborene Prinzenerzieher, spätere Konrektor und Rektor des Korbacher Gymnasiums, erlangte vor allem als Kartograph durch seine genaue Waldeck-Karte von 1733 Berühmtheit.

Nicolai entstammte einer bekannten Pfarrersfamilie. Zunächst war er Prinzenerzieher in Arolsen, bevor er von 1724 bis 1746 Konrektor und von 1746 bis 1758 Rektor des Korbacher Gymnasiums wurde. Im Korbacher Kirchenbuch ist zu lesen: "Sowohl wegen seiner großen Geschicklichkeit als auch wegen seines 34-jährigen treu geleisteten Schuldienstes verdient er immerwährendes Andenken". Es gab zwar bereits vor Nicolai Waldeck-Karten, wie die von Justus Moers von 1575, die von bedeutenden Kartographen wie Ortelius und Mercator verwendet wurden, doch erst im 18. Jahrhundert entwickelten sich die technischen Möglichkeiten genauer Vermessungstechnik, während es zuvor eher um die künstlerische Darstellung der Landschaft ging. Anders die Karte von Jeremias Nicolai, die 1733 in Nürnberg gedruckt und in zahlreichen Auflagen erschien. Seine Hauptschaffenszeit liegt vermutlich zwischen 1733 und 1755.

Kopie der Waldeck-Karte von 1733 (Nachdruck, Rotary Club Korbach)

Kopien der Waldeck-Karte von Jeremias Nicolia fanden im Siebenjährigen Krieg (1756-63) bei der Besetzung Waldecks ("Schlacht bei Corbach", 1760) durch die Franzosen Verwendung. Die Karte zeigt nicht nur das Land Waldeck, sondern auch seine Aufteilung in einzelne Ämter bzw. Regionen: Eisenberg, Lichtenfels, Waldeck, Arolsen, Rhoden, Eilhausen, Wetterburg, Landau und Wildungen, dazu die Herrschaft Padberg, Canstein, das Kölnische Amt Volkmarsen, das Mainzerische Naumburg, die hessische Herrschaft Itter und die Exklave Eimelrod.

Wie viele Karten des 16. bis 18. Jahrhunderts zeigt auch die Karte Nicolais reich verzierte Kunstwerke, so in der linken oberen Ecke den Reichtum Waldecks: Bergbau, Fischfang, Gold der Eder, Jagd und Ernte, während gegenüber das fürstlich waldeckische Wappen und darunter die Wappen der Herrschaften Canstein und Itter zu sehen sind. Unten links befindet sich die Signatur des Autors I.G.C.C.J. Nicolai (Illustris Gymnasii Corbaccensis Conrector). Nicolai gilt als ein Vertreter moderner wissenschaftlicher Landeskunde und Kartographie, der neueste Messtechniken verwendete. Seit dem 19. Jahrhundert wurde bei der Kartenherstellung zunehmend Wert auf geographische Genauigkeit oder Wissenschaftlichkeit gelegt, während dekorative Elemente mehr und mehr reduziert wurden.

© Dr. Marion Lilienthal

Auszug aus:

Lilienthal, Marion, Die Alte Landesschule in Korbach. Ein Kaleidoskop aus fünf Jahrhunderten (1579 - 1962),
Band 1, Seiten 59-60.

Quellen:

Büsching, D. Anton Fridrich , D. Anton Fridrich Büschings neue Erdbeschreibung von Deutschland,1773, Bl./S. 1148.

Stoecker, Hilmar-G., Die Lehrer des Gymnasiums zu Korbach (1579-1900), in: Geschichtsblätter für Waldeck, Hrsg. vom Waldeckischen Geschichtsverein, 65. Band, 1976, S. 55.